Edition Ewiges Leben

Programm – Zwanzig Bücher


Planetendiät

Darf ich auf Senden drücken? Ich habe Dir den Auszug meines Theaterstücks schicken wollen, das ich schon 2016 nach dem tragischen Suizid meines Freundes und Kollegen Florian Einspieler ausgearbeitet habe. In den Szenen des Zweiten Akts geht es um Selbstoptimierung. Die Verstrickung eines außergewöhnlich begabten Menschen in den zwanghaften Wahn, sich selbst zu vervollkommnen, als Mensch und als Künstler, wozu sie führt, das wollte ich zeigen, daran bin ich freilich gescheitert, doch das ist eine andere Geschichte. Was aber hat sie mit Dir zu tun, mein unbekanntes, über alles von mir geliebtes Enkelkind? Mit der offensichtlichen Armut und Not, in die Du wegen der unerbittlichen Halsstarrigkeit Deiner Eltern geraten bist? Wie hängen die damalige individuelle Tragödie und die persönliche Katastrophe, in die Du geraten bist, mit der dogmatisch verordneten Planetendiät zusammen? Wenn ich das bloß erklären könnte! Man hat Dich in Unwissenheit gehalten, um Dich der Manipulation durch das Netz zu entziehen, enthält man Dir das elementare Wissen über unsere Geschichte vor. Das Dogma von den Fraktalen besagt, dass sich der Bauplan des Gesamtorganismus der Menschheit im Großen im Bauplan der Einzelorganismen der menschlichen Individuen im Kleinen abbildet. Wir, deine Eltern und ich, hatten damals schon so etwas ähnliches vertreten, mit der Idee vom ökologischen Fußabdruck. Aus ihr hat sich das Gesundheitsdogma von der Planetendiät entwickelt. Wenn der Einzelne im reichen Norden, in der damaligen Diktion, sich einschränkt, also die Menschen bei uns in Seeland zum Beispiel, wenn wir Konsumverzicht leisten – wie wir das damals genannt haben –, kommt das nicht nur unserer persönlichen Gesundheit zu Gute, sondern hilft auch, die Not des globalen Südens zu lindern, weil die Ressourcen, die wir oben selbstzerstörerisch verschwenden, dort unten zum Heil der Bevölkerung eingesetzt werden können. So ungefähr – verstehst Du, Julia? Was aber, wenn Du Deinen Eltern folgst und Ihr Euch von allem abschneidet? Was hat es für einen Sinn, sich dagegen zu stellen, die Hygiene zu vernachlässigen, sich der Unsicherheit um das tägliche Fortkommen auszusetzen und zuzulassen, dass Du, meine einzige Nachkommin der letzten Generation, sogar hungern musst. Es ist absurd, dass sie Dich hungern lassen, jetzt, wo für alle gesorgt ist. Das ist die perverse Umkehrung der Idee der Planetendiät. Damals, als Deine Mutter und Dein Vater jung gewesen sind, da ist es sinnvoll erschienen, uns einzuschränken, da hat der Planet eine Diät nötig gehabt, um an bestimmten Stellen sein Fett loszuwerden; sie – Dein Papa und Deine Mama – sie sind die letzte Generation gewesen, für die sich ausgezahlt hat, einen Sozialkredit abzustatten. Jetzt aber ist es sinnlos geworden zu hungern! Könnte ich Dir doch helfen! Aber wie? Seit zwei Wochen höre ich gar nichts mehr von Dir! Die Ungewissheit raubt mir tagsüber den Atem und nachts den Schlaf. Doch ich scheue mich, diese Nachricht wegzuschicken.