Edition Ewiges Leben

Programm – Zwanzig Bücher


Trolle

Von etwas anderem schrieb Lynch in seinem Memorandum zum letzten Krieg. Es war das erste Mal, dass jemand wie er, der informiert war, wenn auch noch nicht Informationsminister, den Unterschied zwischen Takeoff und Takeover offen benannte und erklärte und uns den Schleier des Nichtverstehens von den Augen riss in seinem Podcast, als Memorandum über den falschen Krieg auf den Netzseiten des SURF – des heutigen Seeländischen Unterricht-Recherche-Forums – auch in Textform publiziert, wer weiß mit wessen Erlaubnis. In seinen täglichen kalifornischen Reportagen in unserem Äther war davon noch nicht die Rede gewesen, im Memorandum gestand er ein, was er in seinen Reportagen noch verheimlicht und vielleicht verdreht hatte. Wenn ich heute, an diesem 11. Dezember 2048, einem indifferenten Spätherbsttag in Seeland, demobilisiert und desillusioniert Daten und Darstellungen aus Dokumenten sprechen lassen muss, weil ich damals mit Lynch auf Du und Du keine Fragen stellte, oder nicht die richtigen Fragen, tu ich dies nicht für mich, denn ich habe nichts zu gewinnen, nichts zu beschönigen oder zu beschützen, sondern für die Nachwelt, wenn es denn eine gibt. Mir ist klar, wie lächerlich pathetisch das klingt. Heute sitze ich, an diesem scheußlichen 11. Dezember 2048, hier in der Seegasse fest, mir sind die Hände gebunden, Lynch mit seinem weißen Haar, seinem fetten Bauch und seinem schleppenden Gang kann jederzeit bei mir auftauchen, auch ihm steht das Wasser bis zum Hals. Was kann er von mir verlangen? Auch klar: Die Dokumente enthalten nichts, was wir im althergebrachten Sinn als Wahrheit bezeichnen dürften. Lynch‘ Memorandum über den falschen Krieg mit seiner zugegebenermaßen aufklärenden Tendenz legt ja von nichts anderem beredt Zeugnis ab als von der falschen Wahrheit über den falschen letzten Krieg. Dieser letzte der Kriege-Serie der 2020-er, schrieb er, der das Imperium habe implodieren lassen, sei nicht mehr mit militärischen Waffen geführt und entschieden worden, obwohl die Waffen-Arsenale und -High-Tech-Militärpotentiale die Logik und Logistik und die diesbezüglichen Berechnungen der kriegsführenden Mächte den Kriegsverlauf bestimmten. In Wahrheit sei dieser Krieg ausschließlich um die Informationshoheit geführt worden und auch kein realer Krieg mehr gewesen, sondern ein Planspiel, ähnlich wie das beliebte Brettspiel seiner Jugend, Risiko, behauptete Arnie C. Lynch im Memorandum, nur dass man bei Risiko globale Eroberungskriege am Brett simuliert, während der falsche Krieg im Gelben Meer als abstrakte Simulationen der Mächte den konkreten Krieg ersetzte. Im Gelben Meer sein kein einziger Soldat ums Leben gekommen, die künstlich generierten Bilder von den Massenzusammenstößen in den nordamerikanischen Städten stimulierten hingegen in allen Weltgegenden die Demagogen, sogar in Seeland äfften Hinz und Kunz nach, was in den USA die senilen nützlichen Idioten aus den Trollfabriken Russlands, Indiens, Nordkoreas und Chinas in sich hinein fraßen. In diesem falschen Krieg, klärt das Memorandum auf, habe es allerorts von falschen Kriegsberichterstattern gewimmelt, aber an toten Kombattanten gemangelt. Voller Verzweiflung hätten die Korrespondenten um Leichen im Gelben Meer gebettelt, die Trolle hätten ihnen bloß die enthaupteten Opfer rassistischer Krawalle aus Kleelach in Seeland serviert. Im Blog Amerika Tag und Nacht habe ich den Text vom 8. August 2028 gefunden.