Textauszug Romanprojekt Friedhof 2048 — Kapitel 4 Begräbnis
In diesen Momenten löste sich aus der Dunkelheit des Innenraums die kleine Gruppe der allernächsten Angehörigen vom Sarg, sie formte einen Zug, welcher sich in gemessenen Schritten auf dem schmalen Kiesweg zwischen den Menschenmassen, die rechts und links Spalier standen, kaum mehr als hundert Meter bis zur Setschacher Kirche bewegte. Beim Vorbeiziehen der am allerstärksten von der Trauer Betroffenen unterblieb das Puffen und seitens der Nietl das Zwicken nicht, es zwang mich zum gehorsamen Zuraunen, um wen es sich handle: Florians Frau Zvetka eingehüllt in ihr langes schwarzes Haar, einen schwarzen Schleier um Hals und Kinn, ebenso die graue, blasse Mutter schienen gefasst, auch die Mienen der beiden Töchter unbewegt, die Blicke auf den Kies vor ihnen gerichtet. Nur das Antlitz des hochbetagten weißhaarigen Vaters befand sich in einem Zustand fortgeschrittener Auflösung, die Augen irrten in alle Richtungen, sie fanden in der Masse der Umstehenden nirgendwo Halt, die Beine vermochten den hageren Greis kaum mehr zu tragen, doch wies er jede Stütze zurück. Ich habe des Vaters wegen alles aufgeschrieben, was mir durch den Kopf ging, wie Florian stets über den Vater gesprochen und wie sehr er sich über ihn beklagt hatte, gesteigert durch die gerüchteweise sofort in Umlauf gesetzte schreckliche Wahrheit über die genauen Umstände, die Auffindung des Erhängten in der Scheune durch den Vater. Es sei, haben einige von euch sofort nach der Todesnachricht zu behaupten begonnen, von Florian beabsichtigt gewesen, dass ihn der Vater erhängt finde, doch tatsächlich hatte die kleinere der beiden Töchter, damals fünfzehnjährig, ihn am Morgen dieses 10. Mai 2016 überall gesucht, weil sie ja mit ihm nach Seestadt fahren sollte, sie in die Schule, er ins Institut. Die Kleine hatte ihn als erste hängen sehen, dann erst ihr Großvater, wurde von euch skandalgierigen Tratschmäulern überall verbreitet. Wenn ich heute daran zurückdenke, fällt mir wieder ein, dass in den lokalen, regionalen und nationalen Medien mit keinem Sterbenswörtchen von Suizid die Rede war. Kein Flecken dürfe bezüglich der Todesursache auf sie fallen, darauf habe die Familie angeblich peinlich genau geachtet. Es galt immer noch: Selbstmördern gebührt kein Platz auf katholischen Friedhöfen, das wurde mir in aller Schrecklichkeit bewusst, im bäurischen Blick des mir schräg gegenüberstehenden Akremón glaubte ich im Moment meiner Einsicht in die katholische Herzlosigkeit den Anflug eines Grinsens bemerkt zu haben. Habt ihr ihn gekannt? Wisst ihr, was ich meine?