Edition Ewiges Leben

Programm – Zwanzig Bücher


Hospiz

Am Spitz. So nennt die Assistenzkraft den Platz auf der Landzunge an der Stelle des Sees, wo sich die notdürftig restaurierte Ruine einer Marienkapelle befindet. Die Ass. folgt damit einer Bezeichnung, die aus einer Zeit herrührt, als das Hospiz Mariä am Gestade in Seekirch am See noch als Frauenkloster fungierte und folglich von Nonnen bewohnt war, bevor es den Reformen des Kaisers Josef II. gemäß in eine Haftanstalt für Frauen und hundert Jahre später in eine Besserungsanstalt bzw. in ein Erziehungsheim für Mädchen umfunktioniert wurde; interessanterweise hat sich die Benennung über den Wechsel der Insassen hinweg erhalten, genauso wie der Name Jungfernsprung für den Fels, der auf der gegenüber liegenden Seite über den See ragt. Auf den Spitz dürfte die Ass. bald nach der Ankunft um 12:05 Uhr die Neuankömmlinge im Hospiz J.H. und O.S. geführt haben, um dort mit ihnen, den zweine Doktoren, zu deren Überraschung zu beten, für ihre Seelen im Jenseits zu beten, im Wissen, dass das Hospiz Mariä am Gestade kein lebender Mensch mehr lebend verlässt, der einmal eine Einweisung oder vielleicht eine Verfügung erhalten hat. Auch jemand mit einer Sonderverfügung nicht. Es besteht der dringende Verdacht, dass die Ass. auf Grund von Vorinformationen und erstem Augenschein den eigenmächtigen Entschluss gefasst haben dürfte, der Verfügung zuwider zu handeln und ihr Wissen missbraucht zu haben, dass den zweiten der Doktoren, im Krankenblatt als chronisch depressiver Schizopath bezeichnet, der Herrgott im Himmel nicht für einen baldigen natürlichen Tod bestimmt hat. Und dass den ersten der Doktoren mit seinem Alzheimer der Herr Jesus auch noch lange nicht von seinem argen Leiden erlöst und zu sich geholt hätte, trotz seines wirren und darob Heiligen Geistes, weil Fleisch und Glieder noch ziemlich gesund gewesen sind. Ein Ave-Maria habe die Pflegekraft Láng mit J.H. und O.S. gebetet, ganz am äußersten Spitz stehend, und wird sie angewiesen haben, beim Beten die Hände zu falten, die Worte ihr nachzusprechen und den Blick in den dichten Nebel vor ihnen hinüber zu richten. Und dann noch eines, und da habe der eine Doktor, der hagere mit den weißen Haaren, schon mitgebetet, das ginge aus ihren später angefertigten Notizen hervor, vom Netzspion ausgelesen. Daraus habe sie die Klarheit empfangen, dass das Alzheimer-Gotteskind in seiner Bubenzeit ein Erzministrant gewesen sein muss. Beim dritten Ave-Maria habe schließlich auch der andere, der Schizopath-Doktor, angefangen mitzubeten, mutmaßlich aus Anpassung an das Ambiente. Das halbverfallene Kirchlein sowie der dichte Nebel, der aber plötzlich in allerdings wundersamer Weise den Blick auf den Jungfernsprung freigegeben habe, hätte dies bewirkt, die Topographie eben, nichts Widernatürliches. Die Ass. wird den beiden leicht entrückten alten Männern etwas über die Bewandtnis erzählt haben, die es der Legende nach mit dem Jungfernsprung auf sich habe. Junge Frauen hätten sich vom überhängenden höchsten Punkt aus hinab gestürzt, dorthin, wo das Wasser am tiefsten ist, um den Versuchungen und Nachstellungen zu entgehen. Es bietet sich kein Grund zur Annahme, dass Ass. Láng schon in den Momenten nach dem Gebet mit irgendeiner Äußerung habe durchblicken lassen, dass sie vorhabe, nicht allein die Seelen, sondern auch das diesseitige Leben der zweine Doktoren zu retten.