Textauszug Romanprojekt Friedhof 2048 — Kapitel 25 Saharastaub
Es regnet, meine liebe Julia, es regnet. Es regnet Katzen und Hunde. So habe es in England geheißen, hat man uns im Englischunterricht eingeredet, eine englische Redensart vor unvordenklichen Zeiten einmal, it’s raining cats and dogs, how silly! Es regnet Sahara, sagt man heute, selbst der tägliche seeländische Wetterbericht nennt den Südwestregen so. Nein, nicht in der Sahara regnet es. Sahara regnet es. Es regnet Sahara. Es regnet die Sahara. Es regnet die Sahara herunter. Seit wann denn schon, möchtest du wissen, liebe Julia. Seit zwanzig Jahren etwa jedes Jahr von November an, von Oktober an, seit drei Wochen ohne Unterlass. Die auf den Tag genauen meteorologischen Netzberechnungen prognostizieren: noch drei Wochen. Nicht dass dann die Sahararegenzeit vorbei wäre hier in Seestadt. Mit unbestechlicher Exaktheit verkündet der Netzwetterdienst das Ende der Sahararegenpermanenz. Seestadt, 11.12.2048, so steht am federleichten Papier das heutige Datum rechts oben hingekritzelt. Zweifelhaft, dass du es zu lesen bekommst, ebenso zweifelhaft, dass du sie überhaupt lesen kannst, meine zittrige Altersschrift. Zu Neujahr 2049 wird es den ersten sahararegenfreien Tag in Seestadt geben, staubtrocken soll die seeländische Luft dann sein, saharastaubtrocken. Weißt du noch, Julia? Nein, nichts weißt du, sie haben dich ja über nichts aufgeklärt! Aus eigener Anschauung kannst du es auch gar nicht wissen, denn du warst gar nicht auf der Welt. Trocken wie Saharastaub. Eine Wendung damals, als du ein Baby warst, wie it’s raining cats and dogs in den unvordenklichen englischen Zeiten. In den Jahren 2020 bis 2022 begannen sich Saharastaub-Ereignisse zu häufen, warme Winde aus Nordafrika transportierten den Staub bis zu uns nach Seeland, vor allem im Frühsommer direkt aus der Sahara südlich des Atlasgebirges und im Hochsommer über eine südwestliche Strömung über den Atlantik, und im westlichen Mittelmeerraum sowie im europäischen Atlantik nahmen später die Fälle von Blutregen immer mehr zu, insbesondere in den Wintermonaten Januar, Februar und März. Dieses Phänomen tritt ein, wenn Regen den Staub aus der Sahara aus der Luft wäscht und er rotbraun gefärbt auf unsere Böden fällt. Das hast du nicht gewusst? Aber damit hat alles angefangen und wir haben noch gelacht und es für kabarettreif gehalten. Blutregen. Blutregen! Haha! Wie lustig! Es regnet Blut! Aber jetzt: Es regnet Sahara. Jahr für Jahr und Tag für Tag. Interessant, oder? Da, wo du bist und wo sie dich über alles im Unklaren lassen, scheint man das nicht zu wissen oder es einfach zu ignorieren.
Hättest du mir sonst die kleine Taube gerade jetzt in der Sahararegenzeit geschickt? Während ich das federleichte Blatt vollschreibe, sehe ich sie sich unter das Dach meines Südwestbalkons ducken. Als ich hier eingezogen bin, haben sie mir eingeredet, deine lieben Eltern: Wie gut, ein Südwestbalkon! Ganz anders ist es jedoch gekommen, als wir es uns gedacht haben. Ein einziges Verhängnis, die Südwestlage. Statt Nachmittagssonne Nachmittagssahararegen. Statt Abendsonne Abendsahararegen. Unser jahrzehntelanger Klimaprotest ist heute nicht mehr als ein Haufen Saharadreck! Da hockt sie, die Taube! Weiß auch nicht ein und nicht aus! Was für eine Schande! Dass wir so miteinander kommunizieren müssen, Julia, im Jahr 2048. Weit haben wir es gebracht, mit dem Klima und mit unserer Kommunikation. Das Täubchen ist klein, aber robust. Es wird wohl ein Weibchen sein. Ich kenne mich da nicht aus. Wer hat sie dir beigebracht, die Taubenflugkunde? Dir, Julia? Deinem Täubchen? Du hast mir aufgetragen, meine Antwort auf deine Botschaft in die kleine Rolle aus Leichtmetall zu stecken, handgeschrieben, mit dem Spezialstift, auf das Blatt Spezialpapier. Dazu soll ich es mit dem Kuchenstückchen anlocken, das auch in der Rolle war, das Taubenmädchen, das vielleicht so ist wie du. Wie ich nur auf diesen Gedanken komme. Sitze also da und schreibe, nur durch das sahararegen-verdreckte Glas getrennt von der scheinbar startklaren kleinen Botin, hunderte, eher wohl tausende Kilometer getrennt von dir, Julia, dein sentimentaler alter Opa. Genau das hast du mir verboten: Sentimental zu werden. Weiß nicht, was ich schreiben soll. Ob ich schreiben soll überhaupt. Darf ich die kleine Taube denn losschicken, in den Sahararegen. Denn es regnet Sahara immer stärker, kommt mir vor, und meine Geräte zeigen an, es wird nicht aufhören. So schreibe ich weinerlich vor mich hin, darf es getrost. Das bisschen Jammer und Sehnsucht in meinem Herzen nach meiner einzigen Enkeltochter kann ich ohne Weiteres über das Stück Papier vergießen, ich werde es nicht rollen und nicht in die Rolle stecken, wegen des Sahararegens. Permanent prasseln fast trockene Tropfen auf die Plane, unter der du Schutz gefunden hast, meine Kleine. Dicke Tropfen aus Dreck. Saharadreck auf unseren Dächern. Unseren Straßen. Unseren Äckern und Wiesen und Kirchtürmen. Dieser Dreck der Sahara. Dicker dunkler Dreck! Eine Erinnerung kommt hoch. Nein, eigentlich sind es zwei. Erinnerungen an Gespräche mit deinem Vater, Julia. Bitter und peinlich sind sie. Die Scham lässt sie mich aufschreiben, weil ich sie so loswerden kann, ohne dass du das lesen wirst, Julia, weil der Sahararegen deine Taube nicht wird fliegen lassen.