Textauszug Romanprojekt Friedhof 2048 — Kapitel 12 Teufelspakt
Die er holte, waren ausgezeichnete, aber auch gezeichnet. Fried Heer band uns an sich, in einem plötzlichen Moment zerschnitt er das Band. Florian und ich vertraten bereits die zweite Generation von ans Institut Geholten. MitarbeiterInnen lautete um die Jahrtausendwende die Bezeichnung für Angestellte, mit dem komischen phallischen Binnen-I. Uns so zu nennen, wäre Heer nicht eingefallen, das entsprach seinen Vorstellungen von wissenschaftlichem Arbeiten nicht. Unter vorgehaltener Hand kursierte das Wort Jünger, Heer-Jünger. Heer holte nur Männer, mit Frauen hatte er nichts am Hut. Mit einer einzigen Ausnahme, dem Feigenblatt Heidi Moosburger, wir nannten sie die postmoderne seeländische Hexe, weil sie die einzige Einheimische war, der einzige Eigenbau. Heer holte sonst nie jemanden aus Seeland. An der hiesigen Universität übte er zwar eine Lehrtätigkeit aus, zum Leidwesen der Verantwortlichen hatte er sich dieses Recht bei der Institutsgründung vertraglich ausbedungen, aber er übernahm keine Betreuungen, Heidi war eine allen unverständliche Ausnahme. Auf den Universitäts-Campus gelangte er sommers wie winters über eine entlegene Einfahrt mit einem klapprigen Fahrrad, um an jedem Montag pünktlich um acht beginnend in einem abgelegenen, jedoch überfüllten Hörsaal seine skurrile Vorlesung mit dem Titel Kulturfragen zu halten, die er voller Scherz und Ironie bei der Eröffnung mit Worten wie diesen umzubenennen pflegte: „In diesem Semester spreche ich – äh – über alles …!“
Als er Florian und mich holte, hatte Heer das Band zu seiner ersten Jünger-Generation bereits durchschnitten. Sie hing frei herum, ein dreckiges Fast-Dutzend, eine Looser-Elf, mit Animosität gefüllt, jeder gegen jeden, sie hassten Fried Heer, sie hassten sich, uns hassten sie am meisten und sie warteten alle elf ungeduldig darauf, dass auch wir abgeschnitten werden würden. Doch das schien nicht einzutreten, offenbar Florian wegen nicht. Gerüchteweise hieß es, Heer sei homosexuell. Was waren das für Zeiten! Wie weit weg ist dies alles heute? Und doch: So hat es begonnen! Mir kommt der Nachmittag in den Sinn, vor wohl fünfzig Jahren, da gab Florian seine Angst zu, von Heer beim Masturbieren erwischt zu werden. Was schreibe ich hier? Für wen denn? Was tun, gegen auftauchende Erinnerungen, so süß, so bitter! Fünfzig Jahre sind es. Das wird einmal ein halbes Leben. Süß und bitter meine Erinnerung an die Rückkehr aus den USA in jenem Sommer 1998. Süß – weil ich wieder eine Heimat haben wollte, ein postkalifornisches Leben. Genau gespeichert in meinem Gedächtnis der Augenblick, in dem die Maschine auf der Rollbahn von Seestadt International Airport aufsetzt, ich den Kids zurufe: Da! Da! Süß! Süß! Heute schüttle ich den Kopf. Was ist es in mir, das Heimweh? Etwas Vererbtes, Genetisches, so wie Sinalco kein Seeländer Name ist. Bitter ist meine Erinnerung der über der Heimkehr liegenden Schatten wegen. Was wäre geschehen, mit Trudy und mir und den Kindern, wären wir in Kalifornien geblieben? Hätte ich heute noch eine Familie? Mir schaudert, nicht bitter, schauerlich diese Gedanken. Vielleicht hätte ich in Southern California noch mehr Schaden angerichtet. Wegen meiner Neigung zur Hochstapelei. Welche Teufelspakte wäre ich dort eingegangen? Wer weiß, Seems it never rains in southern California, It pours, man, it pours. Bitter, bitter, sind die Erinnerungen, mehr bitter denn süß sind sie wegen der Schatten, der Schuld, die zu allem geführt hat, Florians Tod und Auferstehung. An unsere erste bewusste Begegnung fehlt mir jede Erinnerung. Möglich, dass es keine bewusste gewesen ist.